Plötzliche Änderung als Warnsignal

Auch die Vorsorge spielt bei der Gesund­erhaltung des Darms eine wichtige Rolle.

Dornbirn. (VN-mm) Ja, mit der Verdauung ist es so eine Sache. Funktioniert sie, verschwendet der Mensch keinen Gedanken daran. Das tut er erst, wenn sie Probleme macht. Und das ist bei wenigstens der Hälfte der Bevölkerung der Fall. Kein Wunder also, dass der entsprechende MedKonkret-Vortrag auf großes Publikumsinteresse stieß. Das Foyer der Dornbirner Messe war am Dienstagabend jedenfalls bis fast auf den letzten Stuhl gefüllt.

Primar Etienne Wenzl, Leiter der Chirurgie im Landeskrankenhaus Feldkirch, verstand es, das Wichtigste aus einem sehr umfangreichen Thema prägnant darzustellen. Zum Schluss gab es für jene, die sich vor einer Vorsorgedarmspiegelung immer noch fürchten, einen guten Rat aus der Medizinküche. „Mischen Sie die Abführlösung, die vor der Koloskopie getrunken werden muss, mit eisgekühltem Tonicwater. Dann geht’s leichter“, legte Etienne Wenzl, der im Zusammenhang mit Darmkrebs ganz energisch der Vorsorge das Wort redete, den Besuchern ans Herz.

 

Schlechte Lebensqualität

An den Beginn seines Referats setzte der Chirurg die Aussage des amerikanischen Schriftstellers Josh Billings, der weiland meinte, dass ein verlässlicher Verdauungstrakt mehr wert sei als jede Menge Gehirn. Über diese Ansicht ließe sich vermutlich trefflich streiten. Tatsächlich können Verdauungsstörungen aber die Lebensqualität massiv beeinflussen, besonders, wenn es sich um chronisch entzündliche Darmerkrankungen handelt. Morbus Crohn beispielsweise ist nicht heilbar. Die Behandlung muss sich darauf beschränken, die Komplikationen im Griff zu halten. Auch das Reizdarmsyndrom stellt Ärzte immer noch vor große Herausforderungen. Die Erkrankung neigt zur Chronifizierung und der Betroffene zu Depressionen. „Hier ist eine vertrauensvolle Begleitung des Patienten durch seinen Arzt sehr wichtig“, betonte Primar Wenzl. Die Colitis ulcerosa, eine weitere entzündliche Darmerkrankung, beeinträchtigt den Alltag von Betroffenen ebenfalls enorm. Dazu kommt bei allen diesen Leiden ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko, das es gilt, im Auge zu behalten.

Riesengroßes Immunorgan

Der Darm als solcher ist ein riesengroßes Immunorgan mit hoher Kompetenz, Krankheitserreger zu bekämpfen. Er scheidet sowohl nicht verdauliche Nahrungsbestandteile als auch Abfallprodukte aus der Darmschleimhaut über den Stuhl aus. Womit der Mensch bei der Frage wäre, was da normal und was krankhaft ist. „Normal ist alles, was sich zwischen drei Mal pro Woche bis drei Mal täglich bewegt“, klärte Wenzl das Publikum auf. Denn: „Der Mensch ist kein Uhrwerk, und er isst auch nicht immer zur gleichen Zeit dasselbe.“ Ein Warnsignal und Anlass zu weiteren Untersuchungen sind allerdings plötzliche Veränderungen der Stuhlgewohnheiten. Eine Verstopfung, die länger als drei Monate dauert und Beschwerden verursacht, gehört medizinisch abgeklärt, weil sie nachgewiesen zu einer schlechteren Lebensqualität führt. Gründe können ein langsamer Transport durch den Darm oder eine Blockade bei der Stuhlausscheidung sein. Eruieren lässt sich das wahre Übel mithilfe von röntgendichten Markern, die der Patient verabreicht bekommt. Spätestens nach fünf Tagen sollten 80 Prozent der Marker ausgeschieden sein. Ist das nicht der Fall, muss gehandelt werden. Die Therapie erfolgt nach einem Stufenschema, wobei laut Wenzl zuerst alles Konservative ausgeschöpft werden sollte, etwa das Zuführen von Ballaststoffen, genügend Flüssigkeit und körperliche Aktivitäten. Auf den OP-Tisch kommen nur wirklich schwere Fälle von Verstopfung. Bei Durchfall besteht die Problematik darin, dass dem Körper schnell viel Wasser und Salze entzogen werden. Das kann Nieren, Herz, Kreislauf und das Gehirn beeinträchtigen.

Cola und Salzstangen

Ursachen für Durchfall sind schlechte Lebensmittel, Viren, Bakterien, Parasiten, Abführmittel und chronisch entzündliche Darmerkrankungen. „90 Prozent der Durchfälle sind infektiös“, mahnte der Mediziner eine konsequente Händehygiene ein. Damit sei schon viel getan. Cola und Salzstangen gelten noch immer als ein gutes Therapiemittel, ebenso eine Zuckerlösung mit Salz. Antibiotika kommen nur zum Einsatz, wenn Erreger im Spiel sind.

Früherkennung nützen

Ein großes Anliegen war Primar Etienne Wenzl auch der Hinweis auf die Darmkrebsvorsorge. Mit Zahlen untermauerte er deren Wichtigkeit. Nach wie vor gibt es in Österreich jährlich rund 5000 Neuerkrankungen, 3000 Menschen sterben pro Jahr an Darmkrebs. Was nicht sein müsste, denn die Krankheit lässt sich durch Früherkennung weitgehend verhindern, wenn bei einer Darmspiegelung die meist noch gutartigen Polypen gleich abgetragen werden. „Vorsorge macht sich bezahlt“, lautete der eindringliche Appell des Arztes. Begünstigt wird Darmkrebs durch eine genetische Disposition, aber auch durch Ernährung und Lebensgewohnheiten. Eine Umstellung selbiger leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit.

 

Fragen aus dem Publikum
Sie haben nur von Dickdarmkrebs gesprochen. Was ist mit dem Dünndarm?

WENZL: Die Gewichtung hat mit der Häufigkeit zu tun. Dünndarmkrebs ist äußerst

selten. Entzündliche Darmerkrankungen betreffen hingegen auch den Dünndarm.

Morgens habe ich normalen, während des Tages dann mindestens fünfmal dünnen

Stuhlgang.

 

Was kann hinter dieser Sache stecken?

WENZL: Es könnte eine funktionelle Entleerungsstörung vorhanden sein. Ich empfehle, das abklären zu lassen. Der Arzt kann Ihnen leichte Zäpfchen verschreiben, und dann muss man schauen, ob es besser wird, oder man führt eine Untersuchung mit röntgendichten Markern durch, um festzustellen, wo das Problem liegt.

 

Wie entsteht eine Fruktose- und Laktose-Intoleranz? Handelt es sich dabei um eine Entzündungskrankheit?

WENZL: Intoleranzen haben nichts mit Entzündungen zu tun. Sie entstehen durch Vorgänge, die in den allergischen Bereich fallen. Sie können allerdings zu entzündlichen

Reaktionen führen.

 

Kann eine chronische Verstopfung einen Gallenrückfluss hervorrufen?

WENZL: Nein.

 

Machen auch Allgemeinmediziner diese 4-Wochen-Therapie?

WENZL: Sie dürfen es machen, ob sie es tun, weiß ich nicht.

 

Ich hatte vor fünf Jahren eine Darmspiegelung. Soll ich jetzt schon wieder gehen?

WENZL: Wenn damals alles sauber war und kein familiäres Risiko vorliegt, reicht

eine Darmspiegelung alle zehn Jahre.

 

Hat eine langsame Verdauung in der Nacht Einfluss auf Herz und Blutdruck?

WENZL: In gewisser Weise ja, denn jede Reaktion im Körper führt zu einer Umverteilung des Blutes. Brauchen die Verdauungsorgane mehr, steht anderen Organen weniger zur Verfügung.

 

Was ist nach dem Essen besser für die Verdauung: Ruhe oder tausend Schritte tun?

WENZL: Dem Körper ist das völlig egal, wählen Sie das, was besser in ihr Leben

passt. Bewegung baut natürlich auch Kalorien ab.

 

Was ist bei der Diagnose Morbus Crohn mit schwerem Verlauf zu erwarten?

WENZL: Eine Verlaufsform ist sehr schwierig zu prognostizieren. Grundsätzlich gilt: Je

früher im Alter ein Morbus Crohn auftritt, umso schwerer die Form. Wichtig ist es, sich an einen Spezialisten, also Gastroenterologen, zu wenden.

 

Wie verhält es sich mit Morbus Crohn und einer Schwangerschaft?

WENZL: Da kann es schon zu Problemen kommen, weil die Erkrankung unter anderem

mit einem Mangel an Eisen einhergeht, und das braucht die Frau in der Schwangerschaft. Außerdem wirft eine Schwangerschaft die gesamte Körperregulation durcheinander, es kann zu Schüben kommen, und auch die Medikation ist eingeschränkt, gerade in der Frühschwangerschaft.